Die Vielzahl an Bauvorschriften gilt seit Jahren als Hemmnis für den Wohnungsbau in Deutschland. Bayern will nun bürokratische Hürden abbauen und den Brandschutz teilweise neu bewerten. Dabei stellt sich die Frage, ob weniger Regeln wirklich mehr Effizienz bringen – oder ob Sicherheit darunter leidet.
Inhaltsverzeichnis:
- Thorsten Götz und das Bürgerbräu-Gebäude in Würzburg
- Ralf Abraham sieht Bayern als Vorbild
- Markus Söder kündigt Vereinfachung der Vorschriften an
- Unterschiedliche Landesregeln erschweren Planung
Thorsten Götz und das Bürgerbräu-Gebäude in Würzburg
Im denkmalgeschützten Bürgerbräu-Areal in Würzburg steht ein sechs Meter hohes Backsteingebäude mit Gewölbedecken und großen Türen, durch die Tageslicht strömt. Für den Architekten und Brandschutzexperten Thorsten Götz ist es ein Musterbeispiel für den Konflikt zwischen Erhalt historischer Bausubstanz und moderner Sicherheitsanforderungen. In seinem Konzept legte Götz 20 Abweichungen von der Standardregelung fest, gestützt auf die Bayerische Bauordnung.
Er entschied unter anderem, dass die hölzerne Treppe kein Risiko darstellt, weil im Brandfall ein Zugang für die Feuerwehr von mehreren Seiten gewährleistet bleibt. Die Landesbauordnung erlaubt solche Ausnahmen, wenn sie fachlich begründet und geprüft werden. Diese Flexibilität sorgt laut Götz dafür, dass historische Gebäude ihren Charakter behalten können, ohne die Sicherheit zu gefährden.
Mehr zu den aktuellen Entwicklungen im Bauwesen finden Sie unter Wohnungsbau in Bayern.
Ralf Abraham sieht Bayern als Vorbild
Auch Ralf Abraham, Architekt und Vizepräsident des Deutschen Instituts für vorbeugenden Brandschutz, bewertet das bayerische Modell positiv. In Bayern gilt das sogenannte Vier-Augen-Prinzip, bei dem Konzeptverfasser und unabhängige Prüfer gemeinsam ein Brandschutzkonzept erstellen. Dieses Verfahren reduziert Bearbeitungszeiten und spart laut Abraham 20 bis 25 Prozent der Kosten, verglichen mit Verfahren in anderen Bundesländern wie Niedersachsen.
In vielen Regionen laufen Anträge über Bauämter und Aufsichtsbehörden, was den Prozess deutlich verlängert. Abraham betont, dass weniger Bürokratie nicht automatisch weniger Sicherheit bedeutet. Vielmehr gehe es um eine effiziente Aufteilung der Verantwortung.
Ein Blick auf die allgemeinen Entwicklungen im Bauwesen zeigt ähnliche Tendenzen: mehr Baugenehmigungen trotz Wohnungsnot verdeutlichen den politischen Druck, Verfahren zu beschleunigen.
Markus Söder kündigt Vereinfachung der Vorschriften an
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte an, den Brandschutz auf ein „feuerpolizeilich notwendiges Mindestmaß“ zu reduzieren. Genaue Details nannte er jedoch nicht. Artikel 12 der Bayerischen Bauordnung schreibt vor, dass Brandausbreitung, Rettung von Menschen und Tieren sowie Löscharbeiten gewährleistet bleiben müssen.
Walter Nussel, Beauftragter der Staatsregierung für Bürokratieabbau, erklärte, dass bei sensiblen Einrichtungen wie Kindergärten, Krankenhäusern oder Seniorenheimen keine Änderungen vorgesehen sind. In Bereichen mit geringem Risiko – etwa in Büros oder Parkhäusern – könnten dagegen Regeln vereinfacht werden. „Wir können nicht alle Unglücke verhindern, wenn wir auch noch so viele Regeln aufstellen“, so Nussel.
Weitere Aspekte zum Thema wirtschaftliches Bauen und Energieeffizienz lesen Sie unter Heizsysteme der Zukunft.
Unterschiedliche Landesregeln erschweren Planung
Die Bauordnungen der Bundesländer unterscheiden sich erheblich. Das führt dazu, dass Architekten wie Thorsten Götz sich für jedes Projekt neu einarbeiten müssen. Viele Fachleute fordern daher eine einheitliche Bauordnung für Deutschland.
Roland Breunig, Eigentümer des Würzburger Gebäudes, sieht zudem Wissensdefizite als Problem. Fehlendes Know-how bei Planern, Gutachtern und Behörden führe oft zu übervorsichtigen Entscheidungen. Statt pragmatischer Lösungen werde nach maximaler Sicherheit gestrebt – häufig auf Kosten von Zeit und Geld.
Eine Verbesserung der Ausbildung von Architekten und Ingenieuren könne helfen, den Spagat zwischen Sicherheit und Effizienz zu bewältigen. Götz und Breunig plädieren daher dafür, die bestehenden Vorschriften beizubehalten, aber Fachwissen und Entscheidungsfreiheit zu stärken.
Die Debatte um den Brandschutz in Bayern zeigt, dass Bürokratieabbau und Sicherheit kein Widerspruch sein müssen. Entscheidend bleibt, wie flexibel und verantwortungsvoll mit den vorhandenen Spielräumen umgegangen wird – und ob Planung und Ausbildung Schritt halten mit den Anforderungen moderner Bauprojekte.
Quelle: Tagesschau